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So gelingt gewaltfreie Kommunikation mit Kindern (inkl. Beispiele)

„Sag mal, wie sieht’s denn hier schon wieder aus? Kannst du nicht mal aufräumen? Was hast du eigentlich den ganzen Tag gemacht?“

Kommen dir solche Sätze bekannt vor?

Bestimmt. Denn es erscheint uns normal, dass wir so oder ähnlich mit unseren Kindern kommunizieren. Das ist ja noch kein Schimpfen und hat ja wohl nichts mit „Gewalt“ zu tun. Oder etwa doch?

Was genau bedeutet denn „gewaltfreie Kommunikation“? Darf ich zu meinen Kinder überhaupt noch was sagen oder muss ich ab sofort alles freundlich lächelnd hinnehmen?

In diesem Artikel erfährst du alles Wissenswerte über die sogenannte „Giraffensprache“ – inklusive vieler praktischer und leicht umsetzbarer Alltags-Tipps.

Mutter kommuniziert gewaltfrei mit Kind

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"Man, ey!" - Ein Blick auf unsere Kommunikation mit Kindern

Worte können verletzen – das wissen wir alle. Meistens denken wir dabei jedoch eher an Beleidigungen, wildes Herumschimpfen, Schimpfwörter oder andere verbale Ausrutscher, oft dann wenn das Kind nicht hört

Doch auch vermeintlich „normale“ Aussagen können beim Gegenüber – insbesondere bei Kindern – Schaden anrichten, Gefühle verletzen oder Widerstand erzeugen. Ist dein Kind ein hochsensibles Kind oder ein gefühlsstarkes Kind oder wurde Autismus festgestellt, fühlt es sich noch schneller verletzt. 

Nimm mal als Beispiel die Sätze vom Anfang des Artikels. Die klingen ja im Grunde gar nicht so schlimm. Nun stell dir aber mal vor, dass dein Mann oder deine Frau abends von der Arbeit nach Hause kommt und genau DAS zu dir sagt!

Wie fühlst du dich dann?

Was regt sich da in dir? Ärger? Wut? Steigen Tränen auf? Willst du dich rechtfertigen oder zurück meckern? Oder denkst du sowas wie: „Sag mal, spinnst du?“

Und nun mach dir klar, dass dein Kind exakt das Gleiche fühlt, wenn du so mit ihm redest!

Du findest das jetzt ein bisschen übertrieben?

Dann denk doch mal an die typischen Reaktionen deines Kindes auf solche Sätze. Ich wette, dass es in den wenigsten Fällen lieb lächelnd anfängt aufzuräumen. Vielmehr wird es schmollen, auf „Durchzug“ schalten oder sogar frech werden … weil es sich nämlich angegriffen bzw. verletzt fühlt.

Und das zu recht!

Was ist gewaltfreie Kommunikation? Eine einfache Definition

Gewaltfreie Kommunikation Definition

Gewaltfreie Kommunikation (kurz GfK) bedeutet eben mehr, als nur auf offensichtliche Beleidigungen zu verzichten.

Gewaltfreie Kommunikation ist liebevoll, wertschätzend und rücksichtsvoll. Es ist eine Kommunikation auf Augenhöhe, das heißt, du sprichst mit deinem Kind so, wie du (im Idealfall) auch mit deinem Partner, deinen Nachbarn oder einer Freundin sprechen würdest.

Du erteilst keine „Befehle“ und erwartest nicht, dass dein Kind jetzt dieses oder jenes tut. Vielmehr schilderst du deine Beobachtung, deine Gefühle und äußerst eine Bitte. Bei Konflikten gibst du keine Lösungen vor, sondern versuchst mit deinen Kindern gemeinsam eine Lösung zu finden.

Der Erfinder der gewaltfreien Kommunikation – Marshall B. Rosenberg – nennt diese Form der Kommunikation auch „Giraffensprache“, da die Giraffe so ein großes Herz hat, alles von oben überblickt und daher voller Liebe, Verständnis und Einfühlungsvermögen mit anderen redet.

Das Gegenteil davon ist die „Wolfssprache“ – sie ist vorwurfsvoll, aggressiv und verletzend. Ziel der GfK ist es, die Wolfssprache zu vermeiden.

Gewaltfreie Kommunikation verzichtet auf:

  • Verurteilungen („Wegen dir kommen wir jetzt zu spät“)
  • Bewertungen und Vorwürfe („Du bist einfach unmöglich“)
  • Verallgemeinerungen („Ständig muss man dir hinterherräumen“)
  • Unterstellungen („Du hast doch garantiert wieder die Hausaufgaben vergessen“)
  • Befehle („Räum jetzt hier gefälligst auf“)

Vielleicht denkst du jetzt: Das ist ja alles gut und schön, aber wie soll das denn in der Praxis funktionieren? Wie soll ich denn meine Kinder erziehen ohne schimpfen und wenn ich ab sofort keine „Ansagen“ mehr machen darf? Dann tanzen die mir doch auf der Nase rum!

Keine Angst!

Ich zeige dir, wie die gewaltfreie Kommunikation im Alltag funktioniert und gebe dir praktische Tipps und Übungen zur Umsetzung an die Hand.

Lass uns aber vorher noch kurz schauen, warum die GfK so wichtig ist:

Friede, Freude, Eierkuchen? Was bringt die gewaltfreie Kommunikation?

Bevor ich dir die 4 Schritte der gewaltfreien Kommunikation erkläre, solltest du natürlich wissen, warum die GfK so wichtig ist. Schließlich erfordert es ein bisschen Übung, diese neue Kommunikationsform zu lernen und umzusetzen. Also…

Lohnt sich der ganze Aufwand? Was hast du davon? Und was haben deine Kinder davon?

  1. 1
    Weniger Konflikte: Das Leben mit Kindern ist nicht immer harmonisch. Da gibt es Geschwisterstreit, Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen. Oft entstehen diese aufgrund von „schlechter“ Kommunikation. Mit der GfK lassen sich daher viele Konflikte vermeiden. (Übrigens wird sie auch als „konfliktfreie Kommunikation“ bezeichnet.)
  2. 2
    Mehr Kooperation: Ich will dir hier keine „lieben und folgsamen“ Kinder versprechen, denn genau darum geht es bei der GfK nicht. Aber du wirst merken, dass deine Kinder mit der Zeit weitaus kooperativer sind, wenn du deine Kommunikation veränderst.
  3. 3
    Entspanntere Atmosphäre: Hast du die gewaltfreie Kommunikation erst mal verinnerlicht, wirst du merken, dass alle Familienmitglieder irgendwie entspannter werden. Es herrscht dann eine ganz neue Grundstimmung – mehr Miteinander statt Gegeneinander, mehr Empathie und Verständnis füreinander.
  4. 4
    „Gesunde“ Kinder: Und nicht zuletzt sorgt die GfK dafür, dass du das Selbstbewusstsein stärken kannst, die Resilienz deines Kindes förderst, dass deine Kinder weniger ängstlich sind, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse viel besser kennen und mitteilen können und natürlich auch selbst emphatischer und wertschätzender mit anderen kommunizieren.

Du siehst, dass die GfK sowohl für deine Kinder als auch für dich und die gesamte Familie entscheidende Vorteile hat!

Also lass uns endlich richtig loslegen:

Die gewaltfreie Kommunikation mit Kindern in 4 Schritten (inkl. praktischer Beispiele)

4 Schritte der gewaltfreien Kommunikation

Es gibt zahlreiche Bücher und Internet-Artikel zur gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg. Oft sind die Informationen jedoch sehr umfangreich und verwirrend. Da entsteht schnell das Gefühl: Das schaff ich doch nie!

Ich versuche dir die Grundlagen der GfK daher so einfach wie möglich zu erklären. Dazu bekommst du jeweils ein paar praktische Beispiele und Tipps, sodass du alles direkt im Alltag umsetzen kannst.

Beginnen wir zunächst mit einem vorbereitenden Schritt:

Die Grundlage: Eine neue Sichtweise

Das Wichtigste vorneweg: Wenn du die Kommunikation mit deinen Kindern ändern möchtest, musst du vermutlich deine innere Einstellung zum Thema „Erziehung“ ändern.

Wir sind es gewohnt, dass Erziehung bedeutet: Ich (Erwachsener) weiß besser, wie das Leben funktioniert und was gut für dich (Kind) ist. Deswegen treffe ich die Entscheidungen, setze Grenzen und sage dir, was du zu tun und zu lassen hast.

Bei der gewaltfreien Kommunikation betrachten wir das Kind als gleichwürdigen Gesprächspartner. Wir versuchen, mit ihm genauso zu reden wie mit anderen Erwachsenen (natürlich je nach Alter mit angepasster Wortwahl). Und wir äußern eine Bitte, anstatt Anweisungen zu erteilen.

Dabei richten wir uns nach folgender Grundannahme:

Kinder sind von Natur aus gut und kooperativ.


Das heißt selbstverständlich nicht, dass dein Kind ab sofort machen kann, was es will … aber darauf gehe ich später nochmal genauer ein. Kommen wir erst mal zu den 4 Schritten:

Schritt 1: Wertfreie Beobachtung - "Ich sehe..."

Betrachten wir mal alles an einem konkreten Beispiel. Du kommst von der Arbeit nach Hause und stolperst schon im Flur über ein Chaos, weil z.B. Schuhe und Rucksack deines Kindes einfach wahllos hingeschmissen wurden.

Der erste Impuls ist, zu schimpfen und deinem Kind zu sagen, dass es sein Zeug gefälligst wegräumen soll.

Stattdessen atmest du jetzt erst mal tief durch und schilderst dann sachlich und ohne Vorwurf die Situation:

„Hallo Ben, ich sehe im Flur die Schuhe, den Rucksack und die Jacke verstreut liegen.“

Es braucht ein bisschen Übung, das wirklich neutral und möglichst konkret zu formulieren. Verwende ausschließlich Ich-Sätze („Ich sehe, ich stelle fest, ich höre…“). Bei Aussagen wie „Im Flur hast du Chaos verursacht, weil alle deine Sachen herumliegen.“ ist bereits ein Vorwurf enthalten. Selbst wenn du es total freundlich sagst, fühlt sich dein Kind dadurch indirekt angegriffen.

TIPP:

Um die Formulierung deiner Sätze zu üben, stell dir einfach vor, du wärst dein Nachrichtenreporter, der in einem Helikopter über eine Situation berichtet. Schildere so neutral und konkret wie möglich, was du gerade siehst. 

Schritt 2: Dein Gefühl - "Ich finde das..."

Benenne nun dein Gefühl in Bezug auf die Situation. In unserem Beispiel:

„Ich merke, ich fühle mich unwohl, wenn Sachen auf dem Boden liegen.“

Achte auch hier darauf, keinen Vorwurf einzubauen und ausschließlich über DEINE Gefühle zu sprechen.

Achtung!

Aufgepasst. Hier besteht die Gefahr der „emotionalen Erpressung“. Vermeide Aussagen wie „Ich bin wirklich enttäuscht von dir!“ oder „Ich bin sehr traurig, dass du …“ Dadurch erzeugst du Schuldgefühle bei deinem Kind und das ist nicht im Sinne der GfK.

Schritt 3: Bedürfnis (inkl. Begründung) - "Mir ist... wichtig, weil..."

Nun sagst du, was du brauchst und was dir wichtig ist. Überlege dir, warum geht es dir so, wie es dir gerade geht? Um was geht es dir? Was ist dir wirklich wichtig?

„Mir ist Ordnung wichtig, weil ich sonst Angst habe, dass jemand über die Sachen stolpert." 

Die Begründung ist hierbei sehr wichtig. Vielleicht denkst du, dass dein Kind das alles noch gar nicht versteht, aber glaube mir – Kinder verstehen viel mehr, als du dir vorstellen kannst! Und selbst wenn sie die Bedeutung deiner Worte noch nicht hundertprozentig verstehen, so strahlst du trotzdem eine ganz andere Stimmung aus, wenn du deinen Wunsch begründest.

Lerne mehr über bedürfnisorientierte Erziehung, dann fällt es dir leichter dein Bedürfnis zu kommunizieren. 

Schritt 4: Freundliche Bitte - "Ich wünsche mir..."

Jetzt sprichst du zum ersten Mal dein Kind direkt an. Das heißt, das Wort „du“ taucht hier erstmals auf:

„Ich würde mich freuen, wenn du deine Sachen wegräumst.“

Achte auch hier auf eine freundliche Formulierung. Dein Kind sollte nicht das Gefühl haben, dass es jetzt etwas tun MUSS. Du äußerst lediglich eine Bitte / einen Wunsch und es ist deinem Kind freigestellt, ob es dem nachkommt oder nicht.

Wichtig:

Du gibst deinem Kind an dieser Stelle die Möglichkeit, „nein“ zu sagen bzw. deiner Bitte NICHT nachzukommen! Und es ist wichtig, dass du das dann auch wirklich akzeptierst.

Anfangs kann es passieren, dass dein Kind überhaupt nicht kooperiert. Gib ihm (und dir selbst) ein bisschen Zeit, sich an die neue Kommunikation zu gewöhnen. Mit der Zeit wirst du feststellen, dass es deine Bitten immer öfter erfüllt.

Erkenne ein "Nein" deines Kindes als Einladung, nochmals in dein Kind hineinzufühlen. Du kannst dir auch überlegen, was deinem Kind gerade daran hindert, deiner Bitte nachzukommen? Ist es übermüdet, ist es gerade nicht in Kontakt mit dir? Hat es heute schon viel kooperieren müssen im Kindergarten / in der Schule?

Das klappt doch nie! Typische Zweifel an der GfK

An dieser Stelle höre ich förmlich die Proteste:

„Das klappt doch nie! Dann tanzt mir mein Kind auf der Nase rum. Ich kann doch nicht jedes Mal bitten und betteln …“

Ich verstehe deine Bedenken! Diese Form der Kommunikation widerspricht total der gängigen Annahme, dass Kinder Regeln, Grenzen und Anweisungen brauchen. Aber brauchen sie das wirklich? Und wenn ja, in welchem Maße?

Dazu ein paar Grundgedanken:

  1. 1
    Kinder sind von Natur aus weder frech noch unkooperativ! Konflikte zu erzeugen liegt (eigentlich) nicht in der Natur des Menschen, denn es widerspricht dem Überlebensinstinkt. Der Mensch ist ein soziales Wesen und von daher strebt er grundsätzlich nach Harmonie.
  2. 2
    Dies kollidiert dann allerdings mit dem Drang nach Selbstbestimmung. Spätestens in der Autonomiephase fühlt sich das Kind von den Eltern bevormundet, eingeschränkt, nicht ernst genommen oder unter Druck gesetzt – so entstehen Frust, Wutanfälle und aggressives Verhalten.
  3. 3
    Sobald sich dein Kind angegriffen oder verletzt fühlt, geht es in den Verteidigungsmodus. Der Inhalt des Gesprächs verliert dann komplett an Bedeutung. Das heißt, dass dein Kind vielleicht  gar kein Problem damit hätte, aufzuräumen / die Hausaufgaben zu machen / sich zu beeilen usw. – nur deine Worte erzeugen den Widerstand!
  4. 4
    Konflikte entstehen immer dann, wenn unterschiedliche Bedürfnisse aufeinandertreffen. Als Eltern gehen wir oft davon aus, dass wir besser wüssten, was gut ist für unser Kind. Gleichzeitig sprechen wir selten über unsere eigenen Bedürfnisse. Die GfK und die bedürfnisorientierte Erziehung sorgen für gegenseitiges Verstehen und Akzeptieren, sodass gemeinsam Lösungen gefunden werden können.
  5. 5
    Grundsätzlich haben Kinder 2 Gründe, um zu tun, was wir von ihnen verlangen: Aus Angst vor Strafe/Konsequenzen (bzw. in Erwartung einer Belohnung / eines Vorteils) oder aus Freundlichkeit und Verbundenheit uns gegenüber. Die GfK setzt dabei zu 100% auf die Kooperationsbereitschaft aufgrund der Freundlichkeit.

Wie du siehst, spricht einiges dafür, dass die gewaltfreie Kommunikation mit Kindern funktionieren kann.

Klar fühlt sich das am Anfang komisch an… wir sind es nicht gewohnt, mit unseren Kindern zu sprechen wie mit einem anderen Erwachsenen. Zum einen wurden wir selbst anders erzogen, zum anderen gehen die gesellschaftlichen Erwartungen nach wie vor eher in Richtung „klassische Erziehung“ statt bindungs- und bedürfnisorientierte Erziehung.

Aber es lohnt sich, die GfK einfach mal auszuprobieren. Dann stellst du womöglich fest, dass der Alltag mit deinen Kindern nach und nach entspannter und harmonischer wird und es immer seltener vorkommt, dass dein Kind nicht hört

Lass uns abschließend noch einen Blick auf die Schwierigkeiten werfen, die auftreten können:

Die Grenzen der gewaltfreien Kommunikation

Vater überlegt wann gewaltfreie Kommunikation Grenzen hat

Die gewaltfreie Kommunikation ist kein Allheilmittel und es gibt Situationen, wo sie nicht funktioniert. Rennt dein Kind z.B. plötzlich auf die Straße, kannst du dich nicht hinstellen und sagen: „Ich sehe, dass du vor ein fahrendes Auto läufst. Das finde ich bedenklich …“

Sobald es also für dein Kind gefährlich wird, musst du klare Ansagen machen, SOFORT handeln und ggf. Regeln aufstellen. Allerdings wirst du feststellen, dass es im Alltag gar nicht so viele WIRKLICHE Gefahren gibt, wie du jetzt vielleicht denkst.

Auch in Situationen, in denen du absolut kein „Nein“ akzeptieren kannst, ist die GfK fehl am Platz. Überlege also vorher, worum du dein Kind bitten möchtest und ob es für dich okay ist, wenn es „nein“ sagt.

Extra-Tipp:

Ist ein „nein“ für dich nicht akzeptabel, kannst du trotzdem überlegen, wie du deinem Kind mehr Entscheidungsfreiheit lassen kannst.

Hier ein paar Ideen:

  • Soll dein Kind irgendwas erledigen (Hausarbeit, Zimmer aufräumen etc.), mach keine oder sehr großzügige zeitliche Vorgaben. So hat dein Kind zumindest einen Entscheidungsspielraum, wann es den Auftrag erledigt und fühlt sich nicht unter Druck gesetzt, es JETZT SOFORT machen zu müssen.
  • Gib deinem Kind mehrere Wahlmöglichkeiten. Anstatt z.B. zu sagen: „Räum jetzt die Spülmaschine aus!“, kannst du fragen: „Möchtest du lieber die Spülmaschine ausräumen oder mir bei der Wäsche helfen?“
  • Zeige Verständnis für dein Kind, auch wenn du eine Forderung stellen musst. Zum Beispiel: „Ich weiß, dass du jetzt lieber noch spielen möchtest … ich würde jetzt auch sehr gerne ein Buch lesen. Wie können wir es schaffen, dass wir pünktlich zum Termin beim Arzt kommen, weil mir Pünktlichkeit wichtig ist?“ So fühlt sich dein Kind verstanden und es entsteht ein „Miteinander“ statt ein „Gegeneinander“.

Hinweis: Diese Tipps sind genau genommen nicht im Sinne der gewaltfreien Kommunikation, helfen jedoch im Alltag, wenn die Umsetzung der GfK nicht oder nur begrenzt möglich ist.

Typische Hürden der GfK meistern (inkl. Übung)

Aller Anfang ist schwer … und wie bei allen neuen Gewohnheiten, wirst du auch die GfK erst mal üben müssen.

Dein Kind muss sich ebenfalls erst daran gewöhnen. Vermutlich wird es anfangs misstrauisch sein und dich vielleicht auch testen, ob du das mit der neuen Kommunikation wirklich ernst meinst. 

Lass dich davon nicht entmutigen und schon gar nicht von anderen fertig machen - Mom-Shaming darf hier keinen Platz haben! Gestehe dir Fehler zu, du musst nicht perfekt sein. Mutiere nicht zu Helikopter-Eltern. Die Vorteile der GfK sind es wirklich wert, diese Form der Kommunikation nach und nach zu erlernen! Hol dir ggf. auch aktive Unterstützung in Form eines Elterncoachings

Übung zur gewaltfreien Kommunikation:

Setz dich abends hin, nimm dir ein konkretes Ereignis des Tages vor und überlege, wie du nach den 4 Schritten der GfK hättest vorgehen können.

Mach das am besten schriftlich.

Je öfter du übst, wertfreie Ich-Sätze zu formulieren, desto leichter wird es dir dann auch in der direkten Situation mit deinem Kind gelingen.

Hier hab ich noch 3 typische „Fehler“ aufgelistet, die bei der GfK auftreten können. Sollte das mit der gewaltlosen Kommunikation bei euch nicht klappen, prüfe mal, ob du eventuell Folgendes machst:

  • Du formulierst eine „Pseudobitte“ – erteilst aber in Wirklichkeit einen Auftrag. Das Wort „bitte“ allein reicht nicht … „Räum jetzt bitte dein Zimmer auf!“ ist ein Befehl und lässt deinem Kind keine Entscheidungsfreiheit.
  • Du schaffst es nicht, das „nein“ deines Kindes zu akzeptieren. Verweigert dein Kind deine Bitte, fängst du an zu diskutieren oder versuchst es zu überreden. Oder du bist sauer und fängst an zu schimpfen. Dann weiß es, dass es eigentlich gar keine Wahl hatte und deine Bitte vielmehr eine Aufforderung war.
  • Deine Worte stimmen nicht mit deinen „nonverbalen“ Botschaften überein. Kinder spüren sehr genau, was in dir vorgeht. Denkst du insgeheim „Du kleine Zicke, du gehst mir grad tierisch auf den Keks“, dann bringt die schönste Kommunikation nichts.

Der letzte Punkt ist besonders wichtig!

Deine eigenen Emotionen und deine innere Einstellung sind das A und O bei der gewaltfreien Kommunikation!

Bist du innerlich auf 180, während du freundlich lächelnd säuselst: „Ach bitte…“, spürt dein Kind die Diskrepanz zwischen deinen Gefühlen und deinen Worten. Dann bist du nicht authentisch. Das merken Kinder sofort!

Die GfK setzt voraus, dass du dein Kind liebevoll und wertschätzend betrachtest. Das erfordert viel Einfühlungsvermögen und Verständnis, aber auch Selbstreflexion und Selbstbeherrschung.

Und damit meine ich nicht, dass du keine unangenehmen Gefühle mehr haben darfst, ganz im Gegenteil. Kinder müssen lernen, dass auch Emotionen wie Wut, Frust und Enttäuschung normal sind.

Du kannst deinem Kind z.B. sagen: „Ich bin gerade ziemlich sauer und möchte mich erst mal beruhigen. Danach sprechen wir miteinander.“ Vermeide in dem Fall aber bitte auch jeglichen Vorwurf.

So lernt dein Kind nicht nur die gewaltfreie Kommunikation, sondern gleichzeitig auch den Umgang mit unangenehmen Gefühlen.

Bonus: Die 4 Schritte der gewaltfreien Kommunikation mit Kindern - Alltagsbeispiele

GfK bei Konflikten - dein Kind ist dir gegenüber laut/frech/aggressiv geworden:

Versuche dich zunächst zu beruhigen, um nicht emotional zu reagieren. Bemühe dich um eine möglichst wertfreie Beobachtung.

  1. 1
    „Du hast mich angeschrien.“ (wertfreie Beobachtung)
  2. 2
    „Du bist sauer auf mich, weil ich ... Das kann ich verstehen."  (Verständnis, kein Vorwurf)
  3. 3
    „Gleichzeitig bleibe ich dabei, weil mir... wichtig ist. Komm ich helfe dir deine Wut rauszulassen.“ (eigenes Bedürfnis)
  4. 4
    Erst wenn sich dein Kind beruhigt hat, kannst du deine Bitte formulieren: "Es wäre schön, wenn du mir in Zukunft in einem ruhigen Ton sagst, was dich stört.“ (Bitte)

GfK bei streitenden Geschwistern:

Bei Geschwisterstreit solltest du sofort eingreifen, wenn es zu körperlichen oder emotionalen Verletzungen kommt. Das Gespräch führst du am besten, wenn sich alle Beteiligten wieder beruhigt haben.

  1. 1
    „Ihr wolltet gerade beide das blaue Auto und es gibt aber nur dieses eine.“ (wertfreie Beobachtung)
  2. 2
    „Ich weiß, dass Streit zum Leben dazugehört, aber manchmal geht mir das echt auf die Nerven.“  (Verständnis, eigene Gefühle)
  3. 3
    „Ich wünsche mir ein bisschen mehr Ruhe und Harmonie, vor allem wenn ich im Home Office bin und mich konzentrieren muss.“ (eigenes Bedürfnis)
  4. 4
    „Lasst uns mal gemeinsam überlegen, wie wir das jetzt lösen können.“ (Bitte)

GfK bei Trotz-/ Wutanfällen:

Die Trotzphase ist eine besondere Herausforderung. Versuche zunächst zu verstehen, warum dein Kind wütend ist und dass es (noch) keine andere Möglichkeit sieht, seiner Wut Ausdruck zu verleihen.

Sag ihm das auch! Viele Wutanfälle entstehen nur dadurch, dass dein Kind das Gefühl hat, nicht verstanden zu werden. Bringst du ihm Verständnis entgegen, lassen sich die Wogen oft schnell glätten.

Dann kannst du z.B. Folgendes versuchen:

  1. 1
    „Ich sehe, dass du gerade sehr wütend bist, weil gerade ... nicht für dich klappt.“ (wertfreie Beobachtung)
  2. 2
    „Das verstehe ich. Ich sehe wie frustriert du bist. Ach sooo viel Frust ist da gerade in dir.“  (Verständnis)
  3. 3
    „Alle Gefühle sind willkommen, komm ich helfe dir die Frust rauszulassen. Mir ist wichtig, dass alle heil bleiben.“ (eigenes Bedürfnis)
  4. 4
    Nach dem Wutanfall: "Wow, du hast dich gerade ganz schön geärgert... lass uns mal gemeinsam überlegen, was du tun kannst, damit du die Frust rauslassen kannst ohne das etwas kaputt geht oder verletzt wird." (Bitte)

Die gewaltfreie Kommunikation kurz zusammengefasst

Puh, das waren jetzt viele Informationen und du bist vielleicht ein bisschen verwirrt. Daher möchte ich die Grundlagen der GfK nochmal auf den Punkt bringen:

  • Sprich mit deinem Kind liebevoll, wertschätzend und partnerschaftlich.
  • Zeige Verständnis für das Verhalten deines Kindes, versuche es zu verstehen, zu respektieren und zu akzeptieren. Lerne dazu mehr über die unterschiedlichen Phasen deines Kindes wie Autonomiephase, Trotzphase, Wackelzahnpubertät.
  • Vermeide jegliche Bewertung, Verurteilung, Vorwürfe, Schuldzuweisung, (moralische) Erpressung etc.
  • Teile deine eigenen Bedürfnisse mit und äußere eine Bitte / einen Wunsch. Akzeptiere ein „nein“ ohne weitere Diskussionen.

Und die folgende Frage hilft mir persönlich am meisten. Ich stelle sie mir auch oft im Nachhinein, um meine Kommunikation zu reflektieren und zukünftig zu verbessern:

Würde ich so, wie ich gerade mit meinem Kind geredet habe, auch mit Nachbarn, Freunden, Kollegen oder meinem Partner/meiner Partnerin sprechen?

Unsere Kinder sind wundervolle Wesen. Wir sollten sie auch so behandeln.

Zum Abschluss habe ich hier noch häufig gestellte Fragen in Bezug auf die gewaltfreie Kommunikation mit Kindern für dich zusammengefasst:

Typische Fragen zur GfK

1. Was bedeutet gewaltfreie Kommunikation mit Kindern?

  • „Gewaltfrei“ heißt, dass wir einfühlsam, wertschätzend, verständnisvoll und respektvoll mit unseren Kindern sprechen – so wie wir auch mit anderen Erwachsenen reden würden.
  • Wir vermeiden Bewertungen, Verallgemeinerungen, Vorwürfe oder Schuldzuweisungen.
  • Wir erteilen keine Anweisungen, sondern teilen unsere eigenen Bedürfnisse mit und äußern eine Bitte. Dabei geben wir dem Kind die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, ob es unserer Bitte nachkommen möchte oder nicht. Lerne dazu mehr über die bindungs- und bedürfnisorientierte Erziehung
  • 2. Wie funktioniert die GfK nach Rosenberg in 4 Schritten?

    1. Beobachtung – ich schildere wertfrei den Sachverhalt

    2. Gefühl – ich sage, was ICH dabei fühle

    3. Bedürfnisse – ich äußere meine Bedürfnisse und begründe sie

    4. Bitte – ich formuliere eine konkrete Bitte

    3. Beispiele für gewaltfreie Kommunikation mit Kindern

    Praktische Beispiele findest du hier: Alltagsbeispiele

    4. Was muss man bei der gewaltfreien Kommunikation mit Kindern beachten?

  • Begegne deinem Kind „auf Augenhöhe“ (gern auch wortwörtlich: hock dich hin, wenn du mit deinem Kind sprichst und halte Augenkontakt)
  • Kommuniziere liebevoll und wertschätzend
  • Versuche das Verhalten und die Gefühle deines Kindes zu verstehen und zu respektieren
  • Vermeide Bewertungen, Verallgemeinerungen, Interpretationen usw.
  • Formuliere Ich-Botschaften
  • Sprich offen und ehrlich über deine Gefühle, jedoch ohne dein Kind dafür verantwortlich zu machen
  • Sei authentisch – wenn du sauer bist, erkläre es deinem Kind anstatt es zu überspielen
  • Begründe die Bitte, die du äußerst
  • 5. Was bewirkt gewaltfreie Kommunikation mit Kindern?

    Durch die GfK fühlt sich dein Kind ernst genommen und wertgeschätzt. Du lässt ihm die Freiheit, selbst zu entscheiden, ob es deiner Bitte nachkommen möchte oder nicht. Dadurch erzeugst du weniger Widerstand und Gegenwehr – langfristig wird dein Kind dadurch kooperativer.

    6. Warum ist die gewaltfreie Kommunikation wichtig?

    Die GfK hilft deinem Kind, ein starkes Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl zu entwickeln. Es fühlt sich verstanden, respektiert und akzeptiert. Es lernt, die eigenen Bedürfnisse zum Ausdruck zu bringen und selbst Grenzen zu setzen. Das ist eine wichtige Grundlage für eine gesunde und stabile Persönlichkeitsentwicklung.